Samstag, 29. November 2014

Paul Stanley - Hinter der Maske



Paul Stanley – Hinter der Maske

Erschienen bei Hannibal, einem Imprint der Koch International GmbH
1.Auflage, 2014, Hardcover, 494 Seiten

Autor: Paul Stanley
Mitautor: Tim Mohr

Mit Hinter der Maske liefert nun auch „Starchild“ Paul Stanley seine Biografie ab. Damit vervollständigt er die Reihe der Biografien der Kiss-Urmitglieder, die neben ihm aus „The Demon“ Gene Simmons, „Spaceman“ Ace Frehley und „Catman“ Peter Criss bestehen.
Paul Stanley blickt nicht nur auf 40 Jahre Kiss zurück, sondern gibt viele Einblicke in sein Privatleben, das am 20.Januar 1952 in New York begann. Mit einem verkümmerten Ohr geboren, wuchs er als Stanley Bert Eisen in einem Appartement im Norden Manhattens mit seinen Eltern und seiner psychisch labilen Schwester Julia auf. Er erzählt von seiner Kindheit, in der er sehr unter seinem missgebildeten Ohr litt. Sein Verhältnis zu seinen Eltern beschreibt er als problematisch. Wie viele Eltern in dieser Zeit waren sie eher distanziert und zeigten ihrem Sohn nicht die Liebe, die er sich ersehnt hatte. Mit 12 Jahren sah er die Beatles in der Ed Sullivan Show, womit sein Feuer für die Musik entfacht wurde. Mit ein paar anderen Jungs begann er seine ersten Gehversuche als Sänger in einer Band, bis er sich mit 14 seine erste E-Gitarre leisten konnte. Bald darauf stieg er bei Post War Baby Boom ein, einer Band, die aus ein paar Typen aus seiner Nachbarschaft bestand. Da seine Bandkollegen die Musik nicht mit dem gleichen Enthusiasmus betrieben wie er, schaute er sich nach anderen Möglichkeiten um. Für ihn war klar, dass er ein Rockstar werden wollte und er verfolgte dieses Ziel mit starker Ernsthaftigkeit. Nach einiger Zeit lernte er den Bassisten Gene Klein kennen und er spürte, dass es Gene genau so ernst war, voran zu kommen. Es entstand eine neue Band, zu der neben den beiden noch Steve Coronel (Lead Gitarre), Brooke Ostrander (Keyboard) und Tony Zarella (Schlagzeug) gehörten. Sie gaben sich den Namen Wicked Lester und bekamen sogar einen Plattenvertrag, wofür sie sich jedoch von Steve Coronel trennen mussten. Paul und Gene waren von den Aufnahmen zur Platte jedoch so enttäuscht, dass sie beschlossen, die Band zu verlassen. Sie schrieben weiter zusammen Songs und beschlossen ihre Namen zu ändern. So wurde aus Stanley Eisen Paul Stanley und aus Gene Klein Gene Simmons. Paul Stanley erzählt weiter, wie er sich zusammen mit Gene auf die abenteuerliche Suche nach neuen Bandmitgliedern machte und sie dabei auf einen Schlagzeuger namens Peter Criss stießen. Er konnte zwar angeblich kaum lesen und schreiben, war aber anscheinend ein ziemlich cooler Typ, der sich von der Masse abhob und daher bestens in das Konzept passte, wie sich Paul und Gene ihre Band vorstellten. Paul war klar, dass er nicht zum Lead-Gitarristen geeignet war, weil er dazu einfach nicht gut genug war. Daher veranstaltete das Trio im Dezember 1972 ein Vorspielen, bei dem sie ein Gitarrist namens Ace Frehley überzeugen konnte, der die Band damit vervollständigte. Paul schlug vor, diese neue Band KISS zu nennen, wogegen keiner etwas einzuwenden hatte.
Um sich von den anderen angesagten Gruppen wie vor allem den New York Dolls abzusetzen, erfanden sie ihren Look mit schwarzen Klamotten und geschminkten Gesichtern. Paul Stanley erzählt, wie sie sich in SM-Läden Inspirationen holten und er sich das Nähen beibrachte und sich so sein Kostüm selbst herstellte. Jeder der Bandmitglieder gestaltete sich seine eigene Kunstfigur und so entstanden „The Demon“, „Starchild“, „Catman“ und „Spaceman“. Aus einer Skizze Ace Frehleys entwickelte Paul Stanley das Bandlogo, das wegen der beiden „S“, die an die Runen der Nazis erinnerten, immer wieder zu Kontroversen führte. Paul war es wichtig, dass die vier Musiker nach dem Vorbild der Beatles als vier gleichwertige Musiker eine Einheit bilden sollten, obwohl die Songs fast ausschließlich von ihm und Gene geschrieben wurden.
KISS begannen Auftritte zu organisieren. Bei seinen Darstellungen, wie sie dabei auch mangels Roadies den Bühnenaufbau selbst bewerkstelligen mussten, beschreibt Paul Stanley wie sich Ace Frehley weigerte, sich an den Arbeiten zu beteiligen. Dabei bemerkt er bereits erste zwischenmenschliche Unstimmigkeiten zwischen ihm und Ace.
Bei einem dieser selbst organisierten Konzerte wurde Bill Aucoin auf Kiss aufmerksam und nahm sie als ihr Manager unter Vertrag. Er verschaffte ihnen einen Plattenvertrag bei den von Neil Bogart neu gegründeten Casablanca-Records und so entstand 1974 die erste LP von Kiss, die damit die erste Band waren, die bei Casablanca unter Vertrag genommen wurden. Mit dem Album im Gepäck ging es danach auf Tour und es kam auch zu ersten Fernsehauftritten. Es folgten zwei weitere Alben, zunächst „Hotter than Hell“ und danach „Dressed to kill“. Kiss arbeiteten sich in dieser Zeit von der Vor-Vorgruppe bis zum Headliner bei ihren Auftritten hoch, allerdings blieben die Plattenverkäufe weit unter den Erwartungen. Es gab eine große Diskrepanz zwischen den Erfolgen der Liveauftritte und den Verkaufszahlen.
Paul Stanley macht bereits während der Aufnahmen zu „Hotter than Hell“ Anzeichen von Konflikten aus. So wirft er Gene Simmons vor, die Band als Steigbügel für Ego-Tripps zu verwenden und sich selbst zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Ace Frehley rief seiner Meinung nach nicht mehr sein Potential ab und Peter Criss beschreibt er als Mitläufer, der nicht fähig ist, eigene Beiträge in die Band einzubringen.   
Auf Tour verstanden sich die Bandmitglieder jedoch gut und sie begannen das Tourleben mit all den Vorzügen, die das Musikerleben mitbrachte, zu genießen. Paul legte vor allem seine Hemmungen ab, die er aufgrund seines missgebildeten Ohrs hatte, und begann sich sexuell auszuleben.
Um die Energie eines Kiss-Konzerts auch auf einem Album rüberzubringen, kam Bill Aucoin auf die Idee, ein Live-Album aufzunehmen. So entstand „Alive!“, womit es tatsächlich gelang, den Durchbruch zu schaffen.
Kiss waren nun in der ersten Liga der Rockbands, mit allem was dazu gehört, angekommen. Mit dem Nachfolge-Album „Destroyer“, das wie Alive! Platin bekam, begann dann auch die Merchandising-Maschinerie. Mit Peter und Ace gab es jedoch zunehmend Probleme, hauptsächlich wegen deren Drogenkonsums. Bei den Aufnahmen zu „Love Gun“ stieß Peter an seine spielerischen Grenzen und es musste ein zweiter Schlagzeuger zur Vervollständigung der Drumparts engagiert werden. Bei den Aufnahmen der Studio-Tracks für die vierte Seite von „Alive! II“ spielte Bob Kulick die Gitarrenparts, Ace Frehley wirkte nur an „Rocket Ride“ mit. Um Kiss davor zu bewahren, auseinanderzubrechen, kam Bill Aucoin auf die Idee, dass jeder der Mitglieder ein Soloalbum machen sollte, was auch geschah. So konnte jeder für eine gewisse Zeit seiner eigenen Wege gehen. Paul nahm sein Album in London auf und es tat ihm gut, etwas Abstand von der Band zu haben. Allerdings verkauften sich die Solo-Platten nicht besonders gut und es war nicht mehr klar, ob Ace und Peter überhaupt weiter in der Band sind. Beim Album „Dynasty“, wurde das Schlagzeug zwar bereits von  Anton Fig gespielt, aber offiziell blieb Criss in der Band. Mit Dynasty war Kiss keine wirkliche Rockband mehr, der Hit „I was made for lovin’ you“ war eher Disco als Rock. Die darauffolgende Show wird von Stanley als „Sesamstraße on Ice“ beschrieben, Kiss wurden mehr zur Zirkusband. Anfang 1980 trennte sich die Band dann doch von Peter Criss. PolyGram übernahm Casablanca und gaben Kiss einen neuen sehr gut dotierten Vertrag. Paul kaufte sich ein Appartement, genoss das Leben und traf sich mit vielen verschiedenen Frauen. Die 1980 erschienene Platte „Unmasked“ floppte in den USA. Um wieder auf Tour zu gehen suchte man sich einen neuen Drummer und fand ihn in Paul Caravello, der seinen Namen dann in Eric Carr änderte. Nach einer erfolgreichen Tour nahmen Kiss ihren größten Reinfall auf, das Konzeptalbum „Music from the Elder“. Die darauf folgende Pause nutzte Paul Stanley, um sich einer OP zu unterziehen, bei der endlich sein Ohr wiederhergestellt werden konnte und damit ein Traum für ihn erfüllt wurde.
Nun verließ auch Ace Frehley Kiss und die Band trennte sich von ihrem Manager Bill Aucoin, der mittlerweile aufgrund seines Drogenmissbrauchs nicht mehr zurechnungsfähig war.
Für das nächste Album benötigte man also einen neuen Gitarristen und fand diesen in Vincent Cusano, der mit Kiss „Creatures of the night“ einspielte. Nachdem Ace Frehley noch ein Video mit Kiss aufnahm, wurde Vincent als Vinnie Vincent Kiss’ neuer Gitarrist. Die darauffolgende Tour war nicht erfolgreich und Paul Stanleys Gemütslage verschlechterte sich. Er wusste, dass ein Neubeginn nötig war und schlug vor, die Masken von nun an weg zu lassen. Ungeschminkt wurde „Lick it up“ herausgebracht und tatsächlich wieder ein Erfolg. Kiss wurden zum ersten Mal auf MTV gespielt und das Album bekam Doppel-Platin. Vinnie Vincent erwies sich jedoch als schwieriger Typ und so trennte man sich wieder von ihm.
Die Produktionen zu den folgenden Alben „Animalize“ uns „Asylum“ entstanden dann fast im Alleingang von Paul Stanley. Gene Simmons verfolgte eine Schauspiel-Karriere und der Ersatz für Vincent, Mark St. John, erwies sich als nicht tauglich für die Plattenaufnahmen. Auf der Tour zu Animalize spielte Bruce Kulick die Leadgitarre.
Gene Simmons und Paul Stanley entfernten sich immer mehr von einander. Paul ging auf Solo-Tour und spielte dort mit dem Drummer Eric Singer, der Eric Carr später bei Kiss ersetzen sollte. Als sich Gene bei den Aufnahmen zu „Crazy Nights“ wieder lieber um seine Nebenprojekte kümmerte als um Kiss stellte ihn Paul zur Rede und befürchtete, das wäre das Ende von Kiss. Gene lenkte jedoch ein und schenkte Paul als Dank für sein Engagement für die Band einen Porsche. So blieb Kiss erstmal bestehen.
Bei Paul Stanley begann der Wunsch nach einer festen Beziehung und einer Familie und er heiratete die Schauspielerin Pam Bowen. 1991 starb Eric Carr an Krebs.
Auf der Tour zu „Revenge“ bestanden Kiss nun aus Paul Stanley, Gene Simmons, Bruce Kulick und Eric Singer. Pam hatte kurz vor der Hochzeit mit Paul eine Fehlgeburt. Als Kiss auf Tour waren, wurde die Beziehung zwischen Paul und Pam schwierig, doch Paul wollte alles tun, um die Ehe zu retten. Musikalisch wurde es nun ruhiger um Kiss, stattdessen wurden sogenannte „Kiss-Conventions“, eine Art Kiss-Wanderausstellung veranstaltet. Pam wurde wieder schwanger und es wurde Evan, Paul Stanleys Sohn, geboren. Bei den Conventions kam es auch wieder zum Kontakt mit Peter Criss, der sogar gemeinsam mit dem Rest der Band auftrat, um „Hard Luck Woman“ zu singen. MTV kam auf die Idee, ein „Unplugged“-Konzert mit der alten Besetzung durchzuführen. Es kam tatsächlich dazu, wobei vier Songs in der Urbesetzung mit Ace Frehley und Peter Criss aufgenommen wurden und der Rest mit Bruce Kulick und Eric Singer.
Paul wollte nun eine Reunion-Tour, Gene war zunächst dagegen, lies sich dann jedoch doch davon überzeugen. Nach schwierigen Verhandlungen mit Peter und Ace wurde die Tour vorbereitet, wozu gehörte, dass Ace und Peter erstmal wieder die Songs einüben und ein Fitnessprogramm absolvieren mussten.  Am 28.Juni 1996 kam es dann in Detroit zur ersten Show der alten Besetzung mit voller Maskerade und allem, was Kiss früher ausgemacht hatte. Den Auftritt vor 40.000 Menschen beschreibt Paul als Meilenstein. Die ersten Monate der Tour liefen gut, doch dann begannen wieder die Probleme mit Peter und Ace. Criss stellte Regeln für die Hotels auf und Ace nahm Freundinnen mit, die sich schon mal einen Schuss im Flugzeug setzten. Die beiden verlangten außerdem die gleichen Anteile wie Gene und Paul und so kam es zu einigen juristischen Auseinandersetzungen. Trotzdem sollte ein neues Album aufgenommen werden. Allerdings kreuzten Peter und Ace nicht auf, so dass „Psycho Circus“ ohne sie aufgenommen wurde. Im Privatleben Paul Stanleys kam es auch zu neuen Problemen. Er musste am Arm operiert werden und seine Ehe mit Pam ging zu Bruch. 1999 gab es eine Pause bei Kiss und Paul nahm die Möglichkeit wahr, beim Musical „Phantom der Oper“ die Hauptrolle zu spielen. Da er sich durch die Probleme, die er durch sein missgebildetes Ohr hatte, gut in die Rolle hineinversetzen konnte, war diese sehr wichtig für ihn.
Im März 2000 gingen Kiss auf Abschiedstournee. Die Tour lief nicht gut, die Band spielte seit der Reunion immer nur die gleichen Stücke, weil Peter und Ace nicht mehr drauf hatten. Peter spielte zu langsam, Ace kam zu spät zu Auftritten. Als die Tour 2001 in Asien fortgesetzt wurde, stieg Peter wieder aus und wurde wieder durch Eric Singer ersetzt. Nach der Asien-Tour war es dann mit Kiss vorbei. Paul hatte nun keine Band mehr und lies sich auch von Pam scheiden. Er fiel in ein tiefes Loch, bis ihm Michael James Jackson, der Produzent von Creatures of the Night, Lick it up und Animalize, den Tipp gab, zu versuchen seine Gefühle in der Malerei auszudrücken. Er schaffte es damit durch diese dunkle Zeit und lernte eine neue Frau, Erin, kennen. Kiss bekam ein Angebot, bei der Schlussfeier der olympischen Spiele in Salt Lake City zu spielen, was sie dann auch taten. Danach folgte doch noch eine Tour zum 30. Bandjubiläum. Da Ace Frehley nicht mehr mit mitkommen wollte, wurde Tommy Thayer, der die Band schon lange begleitete der neue Gitarrist. Am Schlagzeug saß wieder Peter Criss, dessen Vertrag aber nach dieser Tour nicht mehr verlängert wurde.
Im November 2005 heiratete Paul dann Erin, mit der er dann mit Colin sein zweites Kind bekam. Natürlich hörte Kiss nicht auf, am Schlagzeug saß wieder Eric Singer und 2009 wurde ein neues Album „Sonic Boom“ aufgenommen. Paul und Erin bekamen noch ein Mädchen und 2011 wurde mit "Monster" ein neues Kiss-Album veröffentlicht. Bis heute sind Kiss nach 40 Jahren immer noch unterwegs, nach allen Höhen und Tiefen, Umbesetzungen, Reunions und Neustarts. Paul Stanley fand sein Glück mit seiner Frau Erin und seinen drei Kindern. Mit 62 Jahren scheint er glücklich zu sein, sowohl privat als auch mit der Band.

Fazit:
Hinter der Maske ist natürlich ein interessantes Buch für alle Fans von Kiss und alle Rockfans. Leider finden sich im Buch sehr viele Rechtschreib- und/oder Tippfehler. Ob das an der Übersetzung liegt oder auch im Original so ist, bleibt offen, aber von solch einer Biografie kann man in dieser Hinsicht sicher mehr verlangen. Auch der Satzbau lässt zu wünschen übrig, es werden auch oft zusammenhang- und belanglose Begebenheiten eingestreut, die überflüssig wirken. Dadurch hält sich der Spaß am Lesen in Grenzen.
Paul Stanley wirkt in seinem Buch etwas wehleidig. Er weist immer wieder auf seine allzu schwierige Kindheit hin und wie er doch an seinem Ohr gelitten hat. Dass sein missgebildetes Ohr ein Problem darstellte ist nachvollziehbar aber das Verhältnis zu seinen Eltern war sicher bei vielen Menschen der Generation nicht anders. Hier wird ein wenig zu sehr übertrieben und gejammert. Pauls Aussagen über seine Bandmitglieder sind sehr hart. Vor allem Peter Criss und Ace Frehley werden sehr negativ dargestellt, was auch als abfällig bezeichnet werden kann. Aber auch Gene Simmons bekommt sein Fett weg und wird als Egomane beschrieben. Da wäre etwas mehr Zurückhaltung vielleicht angebracht gewesen. Nach Pauls Meinung war eigentlich nur er der wahre Musiker, ohne den es Kiss nicht geben würde. Vielleicht hat er ja Recht, aber ob die anderen Bandmitglieder das auch so sehen, kann man sicher anzweifeln.